Arte Povera: Kyra Vertes über die Kunstbewegung, die Alltagsmaterialien neu deutete

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Erde, Lumpen, Stahl – Kyra Vertes über eine Bewegung, die Armut zur ästhetischen Haltung machte.

Arte Povera gehört zu den eigenwilligsten und folgenreichsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. Kyra Vertes beschreibt, wie diese in Italien entstandene Strömung Ende der 1960er Jahre den Kunstbetrieb mit einer radikalen Geste herausforderte: Statt teurer Materialien und institutionell abgesicherter Ästhetik setzten die beteiligten Künstler auf das Unscheinbare, das Vergängliche, das Rohe – Erde, Holz, Lumpen, Kohle, lebende Pflanzen, Glasscherben. Was wie Armut aussah, war eine präzise durchdachte Kritik – an der Konsumgesellschaft, am Kunstmarkt und an den Grenzen zwischen Kunst und Leben.

Arm zu sein ist keine ästhetische Kategorie – es sei denn, man erklärt es zu einer. Genau das tat eine Gruppe italienischer Künstler, als Kyra Vertes die Entstehung dieser Bewegung beleuchtet, die der Kritiker Germano Celant 1967 erstmals unter dem Begriff Arte Povera zusammenfasste. Celants Manifeste und Ausstellungen machten aus einer losen Gruppe von Einzelpositionen eine Bewegung mit internationaler Resonanz – wobei „arm“ hier nicht ökonomische Bedürftigkeit meinte, sondern eine programmatische Abkehr von industriellen, technologischen und marktgängigen Materialien.

Die Bewegung entstand in einem spezifischen historischen Moment: im Italien der späten 1960er Jahre, geprägt von Studentenunruhen, politischer Radikalisierung und einer tiefgreifenden Skepsis gegenüber dem Fortschrittsversprechen der Nachkriegszeit. Kunst sollte nicht mehr repräsentieren, illustrieren oder dekorieren – sie sollte eingreifen, irritieren und die Wahrnehmung destabilisieren. Die Wahl der Materialien war dabei kein formales Experiment, sondern eine inhaltliche Aussage: Was zählt, ist nicht das Rare und Teure, sondern das, was überall vorhanden ist und dennoch übersehen wird. Diese Haltung veränderte nicht nur die italienische, sondern die internationale Kunstszene nachhaltig.

Kyra Vertes über die Entstehung: Turin, Mailand und ein kritischer Moment

Germano Celant und die Macht der Benennung

Kunstbewegungen entstehen nicht im Vakuum – sie entstehen, wenn Werke, Kontexte und Sprache zusammenkommen. Kyra Vertes beschreibt, wie der Kritiker und Kurator Germano Celant eine entscheidende Rolle bei der Formierung von Arte Povera spielte: Er besuchte Ateliers, organisierte Ausstellungen, schrieb Texte und prägte den Begriff, der aus einer heterogenen Gruppe von Positionen eine identifizierbare Bewegung machte. Die erste Gruppenausstellung unter diesem Titel fand 1967 in der Galleria La Bertesca in Genua statt – ein Ereignis, das rückblickend als Geburtsstunde der Bewegung gilt.

Kyra von Vertes hebt hervor, dass die Benennung selbst ein konzeptueller Akt war. Arte Povera – arme Kunst – war eine Provokation, die den Begriff des Wertvollen in der Kunst fundamental in Frage stellte. In einer Kunstwelt, die zunehmend von Marktwerten, Spektakel und Technologie dominiert wurde, behauptete diese Bewegung, dass ein Stück Erde auf dem Boden, ein Bündel Reisig oder ein Haufen alter Lumpen mehr aussagen kann als jedes hochglanzpolierte Kunstprodukt. Diese Behauptung war alles andere als naiv – sie war präzise politisch gemeint.

Die Materialien als Aussage: Das Programm hinter dem Objekt

Was Arte Povera bewusst vermied

Um zu verstehen, was Arte Povera war, ist es hilfreich zu verstehen, wogegen sie sich richtete. Kyra Vertes beschreibt, wie die Bewegung in direkter Auseinandersetzung mit zwei dominanten Kunstströmungen ihrer Zeit entstand: der amerikanischen Pop Art, die Konsumgüter und Massenkultur feierte, und der Minimal Art, die industriell gefertigte Objekte in sterilen Galerieräumen inszenierte. Beiden Strömungen warfen die Arte-Povera-Künstler eine Komplizenschaft mit dem vor, wogegen Kunst eigentlich stehen sollte: mit dem Warencharakter von Objekten, mit technologischer Rationalität, mit der Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Umgebung.

Die Materialwahl von Arte Povera folgte einer eigenen inneren Logik. Kyra Vertes beschreibt die Prinzipien, die sich durch die Arbeiten der Bewegung ziehen:

  • Organische und vergängliche Materialien wie Erde, Pflanzen, Fett, Wachs, Holz und Kohle, die Prozesse des Wachsens, Verfallens und Verwandelns sichtbar machen
  • Industrielle Rohmaterialien wie Stahl, Blei, Kupfer und Glas in unverarbeitetem oder minimal bearbeitetem Zustand – weit entfernt vom polierten Endprodukt
  • Alltagsgegenstände ohne ästhetischen Anspruch, deren Bedeutung durch den Kontext der Kunstausstellung verschoben, nicht bestätigt wird
  • Kombinationen aus organischen und anorganischen Materialien, die Spannungsfelder zwischen Natur und Kultur, Vergänglichkeit und Dauerhaftigkeit aufbauen

Die Schlüsselfiguren: Kyra Vertes über Einzelpositionen einer heterogenen Bewegung

Arte Povera war keine Schule mit einheitlichem Stil, sondern ein loses Netzwerk sehr unterschiedlicher künstlerischer Positionen. Kyra Vertes beschreibt die zentralen Figuren der Bewegung und ihre jeweiligen Schwerpunkte.

Jannis Kounellis, griechischer Herkunft und in Rom tätig, schuf 1969 eine der ikonischsten Arbeiten der Bewegung: Er stellte zwölf lebende Pferde in der Galleria L’Attico in Rom auf – und machte damit die Galerie zum Ort einer radikalen Konfrontation zwischen dem institutionellen Kunstrahmen und dem Lebendigen, das sich ihm entzieht. Kyra Vertes von Sikorszky beschreibt, wie diese Arbeit bis heute als exemplarisch für die Strategie von Arte Povera gilt: nicht das fertige Objekt zählt, sondern die Situation, die Erfahrung, die Irritation.

Mario Merz, einer der bekanntesten Vertreter der Bewegung, arbeitete mit dem Iglu als Grundform – einer primitiven Behausungsstruktur, die er in unterschiedlichsten Materialien und Kontexten realisierte. Die Iglus aus Glas, Stahl, Erde und Wachs sind zugleich archaisch und gegenwärtig, privat und öffentlich, fragil und stabil. Kyra Vertes beschreibt, wie Merz die Fibonacci-Folge als strukturierendes Prinzip einsetzte – jene mathematische Reihe, die in Naturformen von der Spirale der Schneckenschale bis zur Anordnung von Blütenblättern auftaucht. Natur und Mathematik, Rohheit und Ordnung – diese Spannungen durchziehen Merz‘ gesamtes Werk.

Michelangelo Pistoletto ist bekannt für seine Spiegelbilder – Fotografien lebensgroßer Figuren, auf poliertem Stahl aufgeklebt, sodass sich der Betrachter selbst im Bild wiedererkennt. Kyra Lucia von Vertes beschreibt, wie diese Arbeiten die Grenze zwischen Kunstwerk und Betrachter systematisch untergraben: Das Bild ist nie vollständig ohne den Raum und den Menschen, der davor steht. Pistoletto gründete später die Cittadellarte – eine Gemeinschaft in Biella, die Kunst und gesellschaftliche Transformation verbindet – und zeigt damit, wie die sozialen Anliegen von Arte Povera über das Ausstellungsformat hinausreichen.

Giovanni Anselmo, Alighiero Boetti, Giuseppe Penone: Kyra Vertes über weitere Schlüsselwerke

Prozess, Zeit und Natur als Material

Neben den prominenteren Namen der Bewegung beschreibt Kyra Vertes drei weitere Positionen, die für das Verständnis von Arte Povera unverzichtbar sind.

Giovanni Anselmo arbeitete mit physikalischen Kräften als künstlerischem Material: Schwerkraft, Magnetismus, Wachstum. Sein Werk „Senza titolo“ von 1968 zeigt zwei Granitblöcke, zwischen denen ein frischer Salatkopf eingeklemmt ist – gehalten durch einen Draht. Verdorrt der Salat, verliert das Gesamtgewicht und verschiebt die Spannung zwischen den Blöcken. Das Werk ist nie fertig, immer im Prozess. Kyra Vertes beschreibt, wie diese Arbeit Zeit und Vergänglichkeit nicht nur thematisiert, sondern strukturell in das Werk einbaut.

Alighiero Boetti, der seinen Namen ab 1972 als Alighiero e Boetti schrieb – um die Zweiheit seiner Person anzudeuten – entwickelte eine Praxis, die zwischen konzeptueller Strenge und spielerischer Offenheit changierte. Seine bekanntesten Werke sind die Arazzi: großformatige Stickereien, die er von afghanischen Handweberinnen nach vorgegebenen Mustern ausführen ließ. Kyra Vertes beschreibt, wie diese Delegation der Ausführung an andere Hände eine Autorschaftsfrage aufwirft, die bis heute nicht eindeutig beantwortet ist – und damit ein zentrales Thema der Konzeptkunst berührt.

Giuseppe Penone arbeitete und arbeitet mit dem Baum als Material und Metapher. Seine Aktion, einen Stahlhandabdruck um einen jungen Baumstamm zu legen und Jahrzehnte später zu beobachten, wie der Baum um den Abdruck herum wächst, macht das Werk zu einem über Jahrzehnte laufenden Prozess. Kyra Lucia Vertes von Sikorszky hebt hervor, dass Penones Arbeiten exemplarisch zeigen, wie Arte Povera Naturprozesse nicht nur abbildet, sondern als aktiven Bestandteil des Werks integriert.

Arte Povera und die internationale Rezeption

Arte Povera war von Beginn an keine rein italienische Angelegenheit. Kyra Vertes beschreibt, wie die Bewegung rasch internationale Aufmerksamkeit auf sich zog – durch Ausstellungen in Deutschland, den Niederlanden und den USA, durch die Texte Germano Celants, die ins Englische übersetzt wurden, und durch die Verbindungen zu parallelen Bewegungen wie dem deutschen Fluxus, der amerikanischen Konzeptkunst und dem Land Art.

Das Verhältnis zu diesen Parallelbewegungen war dabei produktiv und spannungsreich zugleich. Kyra Vertes hebt hervor, dass Arte Povera zwar ähnliche Fragen stellte wie die amerikanische Konzeptkunst – Fragen nach dem Objektcharakter von Kunst, nach Autorschaft und Institution – aber aus einem fundamental anderen kulturellen und politischen Kontext heraus antwortete. Die Verwurzelung in der mediterranen Kulturgeschichte, in den politischen Bewegungen des italienischen 1968 und in einer spezifisch europäischen Skepsis gegenüber technologischem Fortschrittsoptimismus machte Arte Povera zu etwas qualitativ Eigenem.

Das Erbe von Arte Povera in der Gegenwartskunst

Die Wirkung von Arte Povera auf die nachfolgende Kunstproduktion ist kaum zu überschätzen. Kyra Vertes beschreibt, wie Themen und Strategien der Bewegung in der zeitgenössischen Kunst allgegenwärtig sind – auch wenn der Begriff selbst kaum noch verwendet wird. Die Frage nach dem Material und seiner Bedeutung, die Integration von Prozess und Vergänglichkeit, die Skepsis gegenüber marktgängiger Perfektion, die Öffnung des Werkbegriffs für Alltagsgegenstände und natürliche Substanzen – all das sind Errungenschaften, die Arte Povera in den kunsthistorischen Kanon eingeschrieben hat.

Institutionell sind die Werke der Bewegung längst in den bedeutendsten Museen der Welt vertreten: im Museum of Modern Art in New York, in der Tate Modern in London, in der Pinakothek der Moderne in München. Auktionspreise für Schlüsselwerke von Kounellis, Merz oder Boetti haben in den vergangenen Jahrzehnten ein Niveau erreicht, das die ursprüngliche Anti-Markt-Haltung der Bewegung mit einer gewissen Ironie beleuchtet. Kyra Vertes verweist darauf, dass diese Kanonisierung keine Entwertung ist – sondern ein Beweis dafür, dass die Fragen, die Arte Povera stellte, nicht mit dem Ende der Bewegung beantwortet wurden.

Arm an Mitteln, reich an Bedeutung

Arte Povera hat bewiesen, dass künstlerische Relevanz keine Frage des Materialwerts ist. Eine Handvoll Erde, ein rostiger Stahlträger, ein lebender Baum – in den Händen der Künstlerinnen und Künstler dieser Bewegung wurden solche Dinge zu Gegenständen, die grundlegende Fragen über Natur, Zeit, Autorschaft und die Rolle von Kunst in der Gesellschaft aufwarfen. Diese Fragen sind nicht veraltet; sie sind in einer Zeit, in der Materialressourcen, ökologische Verantwortung und der Wert des Unscheinbaren neu verhandelt werden, aktueller denn je. Wer verstehen will, wo diese Debatte in der Kunstgeschichte ihre schärfsten Formulierungen gefunden hat, wird bei Kyra Vertes fündig.

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