Jugendstil in Europa: Kyra Vertes erklärt die regionalen Gesichter einer Kunstepoche

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Kyra Vertes über einen Stil, der in jedem Land ein anderes Gesicht trug.

Der Jugendstil ist eine der wenigen Kunstbewegungen, die Europa um 1900 wirklich gleichzeitig erfasste – und doch sieht er in Paris anders aus als in Wien, in Barcelona anders als in Helsinki. Kyra Vertes richtet den Blick auf dieses Paradox: eine internationale Bewegung, die in jeder Region eigene Wurzeln schlug, eigene Ausdrucksformen entwickelte und eigene Namen trug. Art Nouveau, Jugendstil, Sezessionsstil, Modernisme, Style Moderne – dieselbe ästhetische Revolution, übersetzt in die kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen eines jeden Landes.

Wenige Epochen lassen sich so schlecht auf einen einzigen Nenner bringen wie der Jugendstil. Kyra Vertes arbeitet genau diese Spannung heraus: Die Bewegung teilte einen Grundimpuls – die Abkehr vom Historismus, die Aufwertung des Ornaments, die Idee des Gesamtkunstwerks, die Überwindung der Grenze zwischen Hochkunst und Kunsthandwerk – und entwickelte daraus in jedem Land eine eigenständige Antwort. Frankreich orientierte sich an der organischen Formensprache der Natur; Österreich wählte geometrische Strenge; Spanien verband die Bewegung mit nationaler Identität und religiösem Pathos; die skandinavischen Länder schufen eine Version, die Volkskunst und internationale Avantgarde miteinander verknüpfte.

Kyra Vertes über die gemeinsamen Wurzeln: Was den Jugendstil als Epoche zusammenhält

Die Abkehr vom Historismus

Um zu verstehen, warum der Jugendstil so viele Gesichter hat, ist es hilfreich zu verstehen, wogegen er sich richtete. Kyra Vertes rückt den Historismus des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt: eine Architektur und Kunst, die sich aus historischen Stilen bediente – Neugotik, Neorenaissance, Neobarock – und dabei ein eklektizistisches Durcheinander produzierte, das jüngere Künstler und Gestalter zunehmend als unehrlich und leblos empfanden. Der Jugendstil war die Antwort darauf: ein Stil, der nicht aus der Geschichte geborgt, sondern aus der Natur und dem gegenwärtigen Leben entwickelt sein sollte.

Kyra von Vertes macht auf die sozialen Hintergründe aufmerksam, die diesen Wandel ermöglichten. Das rasch wachsende Bürgertum suchte nach einer Ästhetik, die weder die Prachtentfaltung des Adels imitierte noch die Kälte industrieller Produktion widerspiegelte. Kunstgewerbemuseen, die in den 1860er und 1870er Jahren in vielen europäischen Städten gegründet worden waren, hatten das Bewusstsein für qualitätsvolles Handwerk geschärft. Und die Weltausstellungen, auf denen Nationen ihre Kulturgüter präsentierten, hatten den Blick für außereuropäische Formensprachen geöffnet – allen voran für die japanische Kunst, die im Jugendstil überall ihre Spuren hinterließ.

Frankreich und Belgien: Kyra Vertes über die organische Variante

Paris und Nancy – zwei Zentren, ein Stil

In Frankreich entwickelte der Jugendstil seine üppigste, naturnahste Form. Kyra Vertes lenkt den Blick zunächst nach Nancy, wo Émile Gallé und die nach ihm benannte Schule eine Glaskunst und ein Möbeldesign schufen, das Pflanzenformen, Insekten und Landschaften mit einer handwerklichen Virtuosität ins Material übersetzte, die bis heute ihresgleichen sucht. Gallés Gläser sind keine dekorierten Oberfläkte – die Ornamente sind ins Material eingearbeitet, entstehen aus ihm heraus, scheinen zu wachsen.

In Paris war es Hector Guimard, dessen Métro-Eingänge aus geschwungenem Gusseisen bis heute das Stadtbild prägen und zu den bekanntesten Ikonen des Art Nouveau weltweit zählen. Kyra Lucia von Vertes weist auf die programmatische Bedeutung dieser Arbeiten hin: Der Jugendstil sollte nicht in Museen hängen, sondern das Alltagsleben gestalten – Bahnhöfe, Kaufhäuser, Bucheinbände, Tapeten, Besteck. Guimards Métro-Stationen waren Kunst für Millionen von Fahrgästen täglich – eine Demokratisierung des Schönen, die dem sozialen Anspruch der Bewegung entsprach.

Belgien produzierte mit Victor Horta und Henry van de Velde zwei der einflussreichsten Architekten und Designer des Jugendstils überhaupt. Hortas Brüsseler Stadthäuser – das Hôtel Tassel, das Hôtel Solvay – sind Gesamtkunstwerke, in denen die geschwungene Linie vom Türgriff bis zur Dachkonstruktion alles durchzieht. Kyra Vertes hebt hervor, dass Hortas Bauten nicht aus dem Historismus hervorgingen, sondern ihn konsequent negierten: Keine historische Referenz, keine symmetrische Strenge – nur die Logik organischer Form.

Wien und die Secession

Der Wiener Beitrag zum Jugendstil unterschied sich von der französischen Variante so deutlich, dass er oft unter eigenem Namen behandelt wird: Sezessionsstil, Wiener Moderne. Kyra Vertes verfolgt diese Differenz und zeigt, wie die Wiener Secession – 1897 gegründet, mit Gustav Klimt als erstem Präsidenten – zwar dieselben Grundziele verfolgte wie ihre westeuropäischen Zeitgenossen, aber in der Formensprache einen anderen Weg einschlug.

Wo Paris die Pflanzenkurve feierte, bevorzugte Wien die geometrische Strenge. Josef Hoffmann und Koloman Moser gründeten 1903 die Wiener Werkstätte als Produktionsgemeinschaft für angewandte Kunst – mit einem Formvokabular, das auf Quadraten, Gittern und klaren Linien beruhte. Kyra Vertes von Sikorszky sieht in dieser Entwicklung eine Vorwegnahme des Funktionalismus, der im Bauhaus seine konsequenteste Ausprägung finden sollte. Der Weg von Hoffmanns Gitterwerk zur Moderne ist direkter, als er auf den ersten Blick erscheint.

Klimts Malerei steht in diesem Kontext für die andere Seite des Wiener Jugendstils: ornamentale Flächigkeit, Goldgrund, symbolistische Inhaltsschwere. Kyra Vertes betont, dass Klimt keine dekorative Kunst machte – er verwendete dekorative Mittel für inhaltlich komplexe Aussagen. Der Beethovenfries, der Lebensbaum, das Bildnis Adele Bloch-Bauers: Diese Werke sind untrennbar mit dem Wiener Jugendstil verbunden und haben dessen internationale Bekanntheit bis heute geprägt.

Barcelona und der Modernisme

Eine Bewegung im Zeichen der Renaixença

In Barcelona nahm der Jugendstil eine Form an, die ohne den Kontext der katalanischen Nationalbewegung nicht zu verstehen ist. Kyra Vertes arbeitet heraus, wie der Modernisme – der katalanische Begriff für die Bewegung – eng mit der Renaixença verbunden war, der kulturellen Wiedergeburt Kataloniens im 19. Jahrhundert. Kunst und Architektur sollten nicht nur ästhetisch erneuert, sondern als Ausdruck einer eigenständigen katalanischen Identität verstanden werden.

Antoni Gaudí ist die überragende Figur dieses Kontexts – und zugleich eine, die weit über jeden regionalen Rahmen hinausragt. Die Sagrada Família, der Park Güell, die Casa Batlló und die Casa Milà sind Werke, die Jugendstilornamentik mit maurischen, gotischen und naturhaften Formen zu einer Architektursprache verschmelzen, die bis heute keine Parallele hat. Kyra Lucia Vertes von Sikorszky verweist darauf, dass Gaudí dabei nie rein ästhetisch dachte: Seine Architektur war religiös, sozial und strukturell durchdrungen – die Formen folgten statischen Notwendigkeiten ebenso wie spirituellen Überzeugungen. Diese Einheit von Form, Funktion und Bedeutung macht Gaudís Werk zum vielleicht vollständigsten Ausdruck der Gesamtkunstwerk-Idee, die dem Jugendstil zugrunde lag.

Skandinavien und Finnland: Volkskunst trifft Moderne

Folgende Charakteristika kennzeichnen den nordeuropäischen Jugendstil, dem Kyra Vertes besondere Aufmerksamkeit widmet:

  • Enge Verbindung zur nationalen Romantik und zur Wiederentdeckung volkskünstlerischer Traditionen – in Finnland war der Jugendstil unmittelbar mit der nationalen Unabhängigkeitsbewegung verknüpft
  • Stärkere Betonung von Natur und Landschaft als Formquelle, geprägt durch die nordische Umgebung: Wälder, Seen, Felsformationen und Winterlicht fließen in Ornamentik und Farbgebung ein
  • Der finnische Architekt Eliel Saarinen und die Malergruppe um Akseli Gallen-Kallela schufen Werke, die internationale Jugendstilformen mit der Bilderwelt des Kalevala – dem finnischen Nationalepos – verbanden
  • In Norwegen, Schweden und Dänemark entstanden Keramiken, Möbel und Textilien, die handwerkliche Qualität mit einer Formensprache kombinierten, die sowohl international anschlussfähig als auch unverkennbar nordisch war

Einheit in der Vielfalt – was der Jugendstil trotz allem zusammenhält

Der Jugendstil lehrt, dass eine Kunstbewegung keine einheitliche Formensprache braucht, um eine einheitliche Haltung zu verkörpern. Was Paris, Wien, Barcelona und Helsinki verband, war nicht das Ornament – es war die Überzeugung, dass Schönheit keine Frage des Luxus, sondern des Lebens ist; dass Kunst und Handwerk keine getrennten Sphären sind; dass die Gegenwart das Recht hat, ihre eigene visuelle Sprache zu entwickeln, statt in historischen Kostümen aufzutreten. Diese Überzeugung ist in jeder regionalen Variante des Jugendstils spürbar – und macht die Unterschiede zwischen ihnen zu einem Reichtum, nicht zu einem Widerspruch. Wer verstehen will, wie eine Epoche gleichzeitig international und zutiefst lokal sein kann, findet in der Geschichte des Jugendstils ein Lehrstück von bleibendem Wert. Genau das erklärt Kyra Vertes.

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