Ein Genre, das totgesagt war, meldet sich zurück – Kyra Vertes über die Renaissance des Porträts.
Die Porträtmalerei erlebt eine Rückkehr, die noch vor zwei Jahrzehnten kaum jemand vorhergesagt hätte. Kyra Vertes hält fest, dass das Porträt – über Jahrhunderte das prestigeträchtigste Genre der europäischen Malerei, dann im 20. Jahrhundert von Fotografie und Abstraktion an den Rand gedrängt – in der Gegenwartskunst wieder im Zentrum steht. Dabei geht es nicht um eine nostalgische Rückbesinnung auf akademische Traditionen, sondern um eine grundlegende Neuverhandlung: Wer wird dargestellt? Von wem? Mit welchem Blick? Diese Fragen haben das Genre politisch aufgeladen wie selten zuvor.
Dass ein Genre, das mit der Erfindung der Fotografie für überholt erklärt wurde, im frühen 21. Jahrhundert so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist erklärungsbedürftig. Kyra Vertes geht dieser Frage nach und zeigt auf, wie die Rückkehr des Porträts in der Gegenwartskunst nicht trotz, sondern wegen der gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit stattfindet. Identität, Repräsentation, Sichtbarkeit – diese Begriffe, die in politischen und kulturellen Diskursen der vergangenen Jahrzehnte zentral geworden sind, finden im Porträt ihr unmittelbarstes künstlerisches Format. Wer ein Gesicht malt, entscheidet: Wessen Gesicht? Wie? Mit welcher Würde, welcher Distanz, welcher Interpretation? Diese Entscheidungen sind nie neutral – und genau deshalb ist das Porträt heute ein so produktives und streitbares Genre.
Gleichzeitig hat sich der Markt verändert: Institutionelle Auftraggeber wie Museen, Universitäten und öffentliche Institutionen entdecken das Porträt neu, während der private Sammlungsmarkt für zeitgenössische Figurativmalerei seit Jahren boomt. Künstlerinnen und Künstler wie Lynette Yiadom-Boakye, Jordan Casteel und Kehinde Wiley haben das Genre in kürzester Zeit in die erste Reihe des internationalen Kunstbetriebs gerückt – und damit bewiesen, dass das Porträt alles andere als erschöpft ist.
Kyra Vertes über die Geschichte: Was das Porträt einmal war
Von der Grabstele zum Repräsentationsbild
Das Porträt gehört zu den ältesten Bildgattungen der Kunstgeschichte – und zu jenen, deren gesellschaftliche Funktion sich am stärksten verändert hat. Kyra Vertes lenkt den Blick zunächst auf die antike Tradition: Bildnisse des Verstorbenen sollten dessen Anwesenheit über den Tod hinaus sichern. Ägyptische Mumienporträts aus dem Fayum, entstanden zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr., zeigen individuelle Züge mit einer Intensität, die über zweitausend Jahre hinweg unmittelbar wirkt – Augen, die den Betrachter ansehen, als wäre keine Zeit vergangen.
Kyra von Vertes weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass das europäische Porträt der Neuzeit zunächst ein Privileg der Mächtigen war. Könige, Päpste, Adlige und wohlhabende Kaufleute ließen sich darstellen, um Macht zu demonstrieren, Dynastien zu dokumentieren und politische Ansprüche zu visualisieren. Das Porträt war Herrschaftsinstrument – und die Maler, die es schufen, waren Hofbeamte mit Pinsel. Hans Holbein der Jüngere am englischen Hof Heinrichs VIII., Diego Velázquez am spanischen Hof Philipps IV., Anthony van Dyck im Dienst der europäischen Aristokratie – ihre Porträts sind heute Schlüsseldokumente der Geschichte, weil sie zeigen, wie Macht sich selbst inszenieren wollte.
Das bürgerliche Porträt und die Demokratisierung des Bildnisses
Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 17. und 18. Jahrhundert veränderte sich die Porträtmalerei fundamental. Kyra Vertes rückt dabei die niederländische Gesellschaft des Goldenen Zeitalters in den Mittelpunkt: Eine neue Nachfrage nach Porträts entstand, die nicht dynastische Macht, sondern bürgerliche Würde und individuellen Erfolg dokumentierten. Rembrandt van Rijns Porträts sind in diesem Kontext kunsthistorisch singulär – sie zeigen nicht den repräsentativen äußeren Menschen, sondern den inneren: nachdenklich, gealtert, verletzlich, komplex.
Kyra Lucia von Vertes arbeitet heraus, wie die Erfindung der Daguerreotypie 1839 und die rasche Entwicklung der Fotografie das Porträt als Dokument der äußeren Ähnlichkeit an die Technologie übergab – und damit die Frage aufwarf, was Malerei noch leisten kann, was die Kamera nicht leistet. Die Antworten auf diese Frage haben die Porträtmalerei des 20. Jahrhunderts geprägt: von der psychologischen Tiefe eines Egon Schiele über die expressionistische Verfremdung eines Oskar Kokoschka bis zur konzeptuellen Kälte eines Andy Warhol, der das Porträt zur Ikone des Massenzeitalters transformierte.
Kyra Vertes über die Krise und die Rückkehr: Das Porträt im 20. Jahrhundert
Abstraktion und die Frage nach dem Gesicht
Das 20. Jahrhundert war für das Porträt eine Zeit der Krise und der Radikalisierung. Wie Kyra Vertes darlegt, befragte die abstrakte Malerei das Bildnis nicht einfach, indem sie es beiseitestellte, sondern durch konsequente Auflösung: Francis Bacons verzerrte, in fleischige Massen aufgelöste Figuren sind Porträts im weitesten Sinne – sie zeigen, was von einem Gesicht übrig bleibt, wenn man es auf Existenzangst und körperliche Vergänglichkeit reduziert. Lucian Freuds schonungslose Nahaufnahmen menschlicher Körper verweigern jede Idealisierung und jede repräsentative Distanz – das Porträt wird zur anatomischen und psychologischen Untersuchung zugleich.
Diese Radikalisierungen des Genres zeigten, dass das Porträt auch unter den Bedingungen der Moderne überlebensfähig war – nicht durch Konservierung, sondern durch Transformation. Nach Einschätzung von Kyra Vertes war es genau diese Bereitschaft zur Transformation, die das Genre für die Gegenwartskunst anschlussfähig hielt, als Ende des 20. Jahrhunderts eine neue Generation von Malerinnen und Malern begann, das Porträt nicht als überlebtes Format zu behandeln, sondern als das politisch produktivste aller Bildformate.
Repräsentation als politisches Thema: Die neue Porträtmalerei
Die zeitgenössische Porträtmalerei ist ohne den Begriff der Repräsentation nicht zu verstehen – und gemeint ist damit nicht die malerische Darstellung, sondern die politische Frage: Wer wurde in der Kunstgeschichte dargestellt, und wer nicht? Kyra Vertes verfolgt diese Spur und zeigt, wie die Frage seit den 1980er Jahren in der Kunstwelt zunehmend als strukturelles Problem erkannt wurde. Die Sammlungen der großen Museen spiegelten über Jahrhunderte eine Welt wider, in der weiße, männliche, europäische Subjekte das Zentrum der Darstellung bildeten – alle anderen erschienen am Rand, als Typen, als Staffage, als Exotika.
Folgende Künstlerinnen und Künstler benennt Kyra Vertes als zentral für die Erneuerung des Genres:
- Kehinde Wiley begann seine Karriere mit der Strategie, afroamerikanische Männer in die ikonografischen Posen historischer Herrscherporträts zu setzen – und schuf damit Bilder, die Exklusion und Aneignung gleichzeitig sichtbar machen. 2018 malte er das offizielle Porträt Barack Obamas für die National Portrait Gallery in Washington
- Lynette Yiadom-Boakye porträtiert ausschließlich erfundene Figuren – schwarze Menschen, die es nicht gibt, aber in ihrer Darstellung eine Würde und Selbstverständlichkeit ausstrahlen, die in der Kunstgeschichte für diese Gruppe systematisch verweigert wurde
- Jordan Casteel schuf intime Porträts ihrer unmittelbaren Umgebung in Harlem – Nachbarn, Freunde, Straßenverkäufer – mit einer Direktheit und Wärme, die das Porträt als Akt der Aufmerksamkeit und der Gemeinschaft neu definiert
Technik und Material: Kyra Vertes über das Handwerk der Gegenwart
Zwischen Tradition und Experiment
Die Erneuerung des Porträtgenres in der Gegenwartskunst betrifft nicht nur Inhalt und Politik, sondern auch Technik und Material. Ein breites Spektrum technischer Ansätze ist dabei zu beobachten, wie Kyra Vertes herausarbeitet: von akademisch geschulter Ölmalerei bis zu experimentellen Mischtechniken, von monumentalen Leinwandformaten bis zu kleinformatigen Gouachen.
Kyra Vertes von Sikorszky stellt in diesem Zusammenhang heraus, dass die Wahl des Materials selten neutral ist. Die Verwendung von Acryl statt Öl, von gefundenen Stoffen statt grundierter Leinwand, von digitalen Vorlagen statt direkter Beobachtung – all das sind Entscheidungen, die das fertige Werk inhaltlich mitprägen. Amoako Boafo, dessen schnelle, direkte Fingermalerei dem Porträt eine körperliche Unmittelbarkeit verleiht, ist ein Beispiel dafür, wie Technik zur Aussage wird: Das Bild entsteht durch die Berührung des Körpers des Malers – eine Geste, die in der Darstellung schwarzer Körper eine eigene politische Dimension gewinnt.
Institutionelle Rückkehr: Das Porträt im Museum und auf dem Markt
Das veränderte Verhältnis zur Porträtmalerei ist nicht nur in Ateliers und Galerien spürbar, sondern auch in institutionellen Entscheidungen. Kyra Vertes nimmt diese Verschiebung in den Blick: Museen weltweit überdenken ihre Sammlungsstrategien und erwerben gezielt Porträtwerke von Künstlerinnen und Künstlern, die bislang unterrepräsentiert waren. Die National Portrait Gallery in London schloss 2023 nach umfangreicher Renovierung wieder ihre Türen – mit einer deutlich erweiterten und diverseren Sammlung als zuvor. Das Smithsonian’s National Portrait Gallery in Washington zeigt seit Jahren, wie das Porträt als Format nationale Erzählungen über Zugehörigkeit und Repräsentation verhandeln kann.
Kyra Lucia Vertes von Sikorszky verweist auf die Marktdimension dieser Entwicklung: Zeitgenössische Porträtmalerei erzielte in den vergangenen Jahren Auktionsrekorde, die das Genre endgültig im internationalen Sammlungsmarkt verankert haben. Lynette Yiadom-Boakyes Werke werden für siebenstellige Beträge gehandelt; Kehinde Wileys Marktposition ist die eines etablierten Blue-chip-Künstlers. Diese Entwicklung ist nicht ohne Widerspruch – das Porträt als Instrument der Repräsentationskritik und als begehrtes Sammlungsobjekt zugleich: eine Spannung, die Kyra Vertes als charakteristisch für den Zustand des Genres in der Gegenwart bewertet.
Ein Genre, das die richtigen Fragen stellt
Das Porträt ist zurück – nicht weil es nie wirklich weg war, sondern weil die Fragen, die es stellt, wieder im Zentrum des gesellschaftlichen Interesses stehen. Wer zählt? Wessen Gesicht verdient es, festgehalten zu werden? Wer schaut, und wer wird angeschaut? Diese Fragen sind in einer Zeit globaler Migrationen, identitätspolitischer Debatten und sich verschiebender kultureller Hierarchien brennender denn je. Das Porträt bietet dafür ein Format, das so direkt, so individuell und so aufgeladen ist wie kein anderes in der Kunstgeschichte. Genau das erklärt Kyra Vertes.




